Der Begriff „Quelle“ und die Methode der Quellenkritik

» Zuletzt aktualisiert: Mi, 10/28/2009 - 11:12 | Eingetragen: So, 08/02/2009 - 16:14

Überblick

1. Was ist eine Quelle?

2. Unterscheidung Quelle <=> Sekundärliteratur

3. Unterscheidung Tradition <=> Überrest

4. Methode der Quellenkritik

5. Lektüreempfehlung


 

Dieser Artikel will den Begriff der „Quelle“ definieren und verschiedene Möglichkeiten der Unterscheidung vorstellen. Außerdem soll die Methode der Quellenkritik behandelt werden.

1. Was ist eine Quelle im geschichtswissenschaftlichen Sinn?

Definition: „Eine Quelle ist all das, was über die Vergangenheit als Mittel zum Zweck der historischen Erkenntnis befragt werden kann." (Weiter Quellenbegriff)

 

Letztlich könnte jede Überlieferung eine Quelle sein. Ob eine Überlieferung als Quelle benutzt werden kann, entscheidet die Fragestellung, mit der der Historiker an die Überlieferung herantritt. Also schafft sich jeder Historiker seine Quellen selbst und „bringt diese zum Sprechen“. Seine Interpretation der Quelle ist dabei immer im Verhältnis zu seiner Fragestellung zu sehen. Der Begriff „Quelle“ bezieht sich also nicht auf alles Überlieferte, sondern nur auf die im Rahmen des Forschungsprozesses ausgesuchten und verwendeten Überlieferungen. Die Auswahl der Quellen stellt dabei bereits eine erste bewusste Interpretation dar.

 

Die große Anzahl an Quellen lässt sich grob in Schriftquellen, Sachquellen und gegenstandslose Quellen (abstrakte Quellen) unterscheiden.

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2. Unterscheidung Quelle – Sekundärliteratur/ Forschungsliteratur

Unter Sekundärliteratur können Publikationen von Wissenschaftlern bezeichnet werden, die auf Grundlage von Quellen und anderer Sekundärliteratur verfasst wurden. Siehe auch Literaturgattungen. Die Angabe des Autoren ist die Voraussetzung dafür, dass das Werk in einer wissenschaftlichen Arbeit zitierfähig ist. Außerdem sollte der Text in einer Monographie oder einem Sammelband Fußnoten und ein Literaturverzeichnis enthalten, um so die Überprüfbarkeit der Argumente zu gewährleisten.

 

Sekundärliteratur kann bei der passenden Fragestellung auch zur Quelle werden, mugekehrt eine Primärquelle in seltenen Fällen auch als Literatur benutzt werden. Eine klare Trennung zwischen diesen beiden Arten kann also nur in Abhängigkeit von der Fragestellung erfolgen.

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3. Unterscheidung Tradition – Überrest (Nach Ernst Bernheim)

Die Unterscheidung in Tradition und Überrest geht auf den Historiker Johann Gustav Droysen (1808 – 1884) zurück und wurde von Ernst Bernheim (1850 – 1942) modifiziert. Er versteht unter „Überrest“ alles, was unmittelbar aus der Vergangenheit erhalten ist und ohne Blick auf die Nachwelt entstanden ist. Im Gegensatz dazu ist eine „Tradition“ zwar auch aus der Vergangenheit erhalten, allerdings sollte durch sie ein bestimmtes Bild oder eine bestimmte Deutung vermittelt werden.

 

Als Tradition können z. B. Memoiren genannt werden. Der jeweilige Autor wollte mithilfe seiner Memoiren seine Sicht darlegen und weitergeben. Überreste können neben abstrakten Quellen (Sprache, Institutionen oder Bräuche) auch schriftliche Quellen sein, so z. B. Verwaltungs- oder Krankenakten. Die heute erhaltenen Quellen aus den Epochen der Alten und Mittelalterlichen Geschichte sind zumeist Traditionen, Überreste sind nur in Einzelfällen vorhanden.

 

Diese Unterscheidung von Quellen kann aber nur als idealtypisch angesehen werden. Hanäufig kn eine Quelle sowohl Tradition als auch Überrest sein. Für eine genaue Bestimmung wäre es nötig, die Intention des Autoren zu kennen, was in den meisten Fällen nicht zweifelsfrei möglich ist.

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4. Methode der Quellenkritik

Das Ziel einer Quellenkritik ist es, den Erkenntniswert historischer Zeugnisse (Quellen) für die eigene Fragestellung zu ermitteln. Außerdem bildet die Quellenkritik die Voraussetzung für die Interpretation einer Quelle. Die Quellenkritik wird in zwei Teile eingeteilt:

 

a) Äußere Quellenkritik (Ist die Textgestalt glaubwürdig?)

  • Echtheit: Ist der genannte Autor wirklich der Verfasser? Ist der Text so erhalten, wie ihn der Autor verfasst hat? Ist der Text das, wofür er sich ausgibt?
  • Originalität: Beruhen die Informationen auf den eigenen Beobachtungen des Autors? Oder worauf stützt er sich?
  • Wie wurde die Quelle überliefert? (Quellenedition, Verwendung in einem Sekundärtext, …)
  • Handelt es sich bei dem Text um eine Übersetzung?

 

b) Innere Quellenkritik (Ist die Quellenaussage glaubwürdig?)

  • Provenienz (Herkunft): Wann, wo, wie und von wem wurde der Text verfasst?
  • Standort und Intention des Autors: Was hat er wissen können? Ist der Autor Zeitgenosse oder Augenzeuge? Erscheinen die Aussagen glaubwürdig?
  • Tendenz des Autors: Was hat er berichten wollen? (Verfälschung, Verzerrung, Akzentuierung der Sachverhalte, Verschweigen, Belehrung etc.)
  • Einordnung der Quelle in den historischen Kontext (Kontextualisierung)
  • Unklarheiten (Begriffe, Ereignisse, Personen etc.) mit Hilfsmitteln (z.B. Lexika Handbücher, Biographische Nachschlagewerke, Kommentare) klären
  • Inhalt hinsichtlich der Fragestellung herausarbeiten (Inhaltsangabe)
  • Überprüfen der Sachverhalte und Aussagen mit Hilfe der Fachliteratur und anderer Quellen
  • Herausarbeiten der zeitlichen und gesellschaftlichen Umstände der Entstehung und der Wirkung
  • Einbetten in einen größeren Zusammenhang

 

Am Ende einer Quellenkritik sollte die Frage stehen, welchen Erkenntniswert und welche Aussagekraft die Quelle in Bezug auf die Fragestellung besitzt. Somit ist das Ziel einer Quellenkritik nicht, die Quelle in all ihren Einzelheiten zu analysieren, sondern sie unter dem Gesichtspunkt der Fragestellung auf Antworten zu untersuchen. Somit ist es auch mithilfe von Quellen nicht möglich zu zeigen, „wie es denn gewesen ist“. Vielmehr kann aufgrund der subjektiven Interpretation durch den Historiker nur eine mögliche Interpretation der Vergangenheit formuliert werden.

 

Folgende Beispiele können einen Eindruck vermitteln, wie eine Quellenkritik aussehen kann. Natürlich muss die Analyse in der Proseminarklausur nicht so umfangreich sein.

 

Beispiel einer Quellenkritik anhand einer antiken Quelle (zuerst veröffentlicht im Januar 2007 auf Historicum.net)

Beispiel einer Quellenkritik anhand einer mittelalterlichen Quelle (zuerst veröffentlicht im Mai 2007 auf Historicum.net)

Beispiel einer Quellenkritik anhand einer zeitgeschichtlichen Quelle (zuerst veröffentlicht im Juli 2007 auf Historicum.net)

 

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5. Lektüreempfehlung

  • Wolbring, Barbara: Neuere Geschichte studieren, Konstanz 2006 (UTB basics 2834), S. 79 - 148.
  • Emich, Birgit: Geschichte der Frühen Neuzeit studieren, Konstanz 2006 (UTB basics 2709), S. 141 - 238. 

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